Sonntag, 29. November 2015

"Graf Öderland" - Dresden

Theaterpremiere im Aufmarschgebiet der Pegidisten. Man blickt in menschliche Abgründe, die einen erschrecken. Ein Stück, das aufwühlt. Sind die Straßen von Dresden schon verloren an ein 'Volk', dem unsere kulturellen Errungenschaften nichts mehr bedeuten?
Über die von Volker Lösch mit dem Zusatz "Wir sind das Volk" zeitgeistig umfunktionierte Fassung des Dramas von Max Frisch sollte man vielleicht erst noch etwas lesen, beispielsweise in Focus-Online.

Die schwache Vorlage von Max Frisch galt bisher als sperriges Material, bietet indes für Lösch und seinen 'Bürgerchor' eine passende Rahmenhandlung. Der Chor sagt grausige Sätze auf, die in dieser Stadt im Verlauf des letzten Jahres genau so gesagt wurden.

In einer markanten Szene stellt das Bühnenbild einen qualmenden Kohlemeiler im Wald von Öderland dar, wo arme Köhler hausen. Graf Öderland wird für sie zur Führerfigur eines Aufstandes ohne konstruktive gesellschaftliche Vision.

Auch an vielen anderen Stellen im Stück hat man den Eindruck von zügelnden Flammen im Untergrund; die geistigen Brandstifter und Aufwiegler sind auch in Dresden unterwegs. Können wir sie noch von der Gewalt abhalten?

Fotos: Johannes LeBong

P.S. Das schreibt die Neue Züricher Zeitung über Dresden:
"Dresden sieht sich selbst gern als Barockperle, zerstört und auferstanden, von aller Welt für seine Schönheit geliebt. Mittlerweile aber überlagert Pegida alles, die Bewegung belastet Beziehungen, Familien, Freundschaften; man frage sich bei Passanten, ob sie dazugehörten, sagen Dresdner. Vor einem Jahr strahlte die Stadt noch selbstzufrieden im Vorweihnachtsglück, nun wirkt Dresden überreizt, unsicher, resigniert."

Freitag, 27. November 2015

Görlitz wird bunter

Eine positive Entwicklung, die wir sehr begrüßen.  Die ersten Syrischen Neubürger eröffnen neue Läden.

Den Anfang machte eine Syrische Fleischerei in der Berliner Straße. Heute eröffnete am Obermarkt das orientalische Feinkostgeschäft von Frau und Herrn Jalouk, die in ihrer Heimat Syrien beide angesehene Apotheker waren. 

Wir haben uns fest vorgenommen, öfter mal bei dem sympathischen Ehepaar auf einen Tee vorbei zu schauen. Die ersten exotischen Leckereien nahmen wir heute gleich mit.

Fotos: Johannes LeBong

Sonntag, 15. November 2015

Nous sommes unis #PeaceForParis

Wir fühlen mit den Opfern des Terrors weltweit. Sei es in Paris, Ankara, Beirut, Syrien oder im Irak... und mit den vielen Flüchtlingen, die ihre Heimat verlassen haben, um dem Terror zu entkommen.


Grafik "Symbol des Friedens für Paris" Credit: Jean Jullien

Im Übrigen unterstützen wir die Aktion „Licht an für Menschlichkeit“.

Die Landeskirche Dresden gab die Anregung dazu und wir schließen uns gern an. Alle Mitmenschen sind eingeladen, an jedem Sonntagabend ein Kerzenlicht ins Fenster zu stellen. Außerdem wird mit Postkarten und Aufklebern für Gewaltlosigkeit und ein faires Miteinander geworben.
Photo credit: christian solidarity international

Mittwoch, 11. November 2015

Vorgemerkt: Konzert im Leonhardi-Museum Dresden

trans.positions - ist eine weitere Veranstaltung der Reihe Klangnetz Dresden »An die Freunde ...«. Sie findet am 26.11.2015 im Leonhardi-Museum statt. Das ist für uns nicht nur vom Programm her spannend - ein Stück von Wolfgang Rihm wird gespielt - sondern auch vom Veranstaltungsort.

Das eigenartige, opulent verzierte Ensemble von Fachwerkhäusern des Leonhardi-Museums mit seinen Erkern, Türmchen und Skulpturen war mir früher schon im Vorbeifahren aufgefallen, als wir mit dem Auto ins Elbtal hinab kurvten.

Heute wird in dem Museum auch immer wieder moderne Kunst gezeigt, was es für uns interessant macht.

Bildquelle + mehr Info: leonhardi-museum.de

Photo credit: commons.wikimedia.org, Autor: Dr. Bernd Gross

Montag, 9. November 2015

Veranstaltungstipp: Graf Öderland / Wir sind das Volk

Das wird bestimmt keine langweilige Premiere im Staatsschauspielhaus Dresden, denn das Thema ist sozusagen mitten aus dem Leben gegriffen. Zum Glück konnten wir noch zwei Karten für den ersten Rang ergattern.

Zitat: "Die Inszenierungen von Volker Lösch orientieren sich oft an den großen Themen der Städte, in denen sie gezeigt werden – sie politisieren, sie polemisieren, sie fordern heraus zur Auseinandersetzung. In „Graf Öderland“, das für Max Frisch selbst eine zentrale Rolle in seinem Werk einnahm, bringt er einen Kessel zum Überkochen, in dem ein Gebräu aus diffuser Angst, unklarer Sehnsucht und Ignoranz brodelt – er lässt eine ganze Gesellschaft das Gleichgewicht verlieren. Volker Lösch wird Max Frischs Drama mit Texten anreichern, die er Dresdner Bürgern ablauscht, und dadurch die Ängste dieser Stadt hörbar machen" 


Foto: (c) Matthias Horn / Staatsschauspiel DD
 
Wir schätzen Volker Lösch, den wir nicht zuletzt aus Stuttgart als Mitstreiter gegen S21 kennen, für sein mutiges gesellschaftliches Engagement. Damals hatten meine Frau und ich uns ebenfalls gegen die Zerstörung des Schlossparks und für die Erhaltung des Baudenkmals 'Bonatz-Bahnhof' eingesetzt. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht, aber immerhin ein Politikwechsel in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg.

Donnerstag, 5. November 2015

Exkursion nach Liberec

Nur knapp eine Autostunde von Görlitz entfernt liegt Liberec auf 400 Metern Seehöhe. Mit rund 100.000 Einwohnern ist es die wichtigste Stadt Nordböhmens. Schon zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Liberec eine blühende Stadt und noch heute sieht man wunderschöne Prachtbauten als Zeugen des einstigen Reichtums.

Foto: Andrea LeBong

Um 1890 wurde das  Rathaus im Stil der Neo-Renaissance erbaut. Seine Ähnlichkeit mit dem Wiener Rathaus hat Liberec den Beinamen „Wien des Nordens“ eingebracht.

Foto: sklipekliberec.cz Abb. mit frdl. Erlaubnis von Miloš Kasal, Manager 'Radniční sklípek'

Der Rathauskeller dürfte übrigens eine der besten Adressen für eine bodenständige lokale Küche sein. Das Restaurant war erst kürzlich aufwändig restauriert worden und präsentiert sich dementsprechend appetitlich. Auch dieses Interieur erinnert mich entfernt an Wien, beispielsweise an das Café Central im Palais Ferstel.

Wir starteten unsere Tour jedoch nicht in Stadtmitte, sondern fuhren direkt zur 'Oblastní galerie v Liberci', der städtischen Galerie von Liberec, die heute im repräsentativen Gebäude des ehemaligen Stadtbades residiert. Man parkt dort übrigens kostenlos direkt vor dem Gebäude.


2014 wurde die architektonische Umgestaltung und Erweiterung des Altbaus preisgekrönt, wie man im tschechischen Architekturmagazin 'EARCH' nachlesen kann.

Foto: Petr Janžura, Abb. mit frdl. Genehmigung von Petr Janžura

Das Museum hat unsere Erwartungen übertroffen. Es ist größer und moderner  als gedacht und erstreckt sich über mehrere Etagen. Es würde Stunden und Tage dauern, wollte man die unzähligen Kunstwerke alle betrachten. Wir bewältigten die älteren Sammlungen im Schnelldurchgang und konzentrierten uns im Wesentlichen auf eine umfangreiche Ausstellung von modernem Design, wo interessante Entwürfe, industrielle Prototypen und kunsthandwerkliche Produkte von tschechischen Gestaltern gezeigt wurden. Sollten wir uns einmal wieder neu einrichten, könnten wir uns durchaus vorstellen, auch in dieser für uns originellen Richtung zu denken.


Nicht zuletzt die Abteilung mit zeitgenössischer Malerei und Objektkunst war erfreulich gut bestückt. Auch hier stießen wir auf Künstlernamen von denen wir im Westen noch nie gehört hatten.


Auf unserem Weg in die Innenstadt über die Masarykova-Straße, die streckenweise von prächtigen alten Villen gesäumt wird, nicht wenige davon in erbärmlichem Erhaltungszustand, entdeckten wir noch ein ganz süßes kleines Café-Restaurant. Es wird von jungen Leuten geführt und ist sehr zu empfehlen!



Mehr unter: mikynavkuchyni.com und facebook.com/mikynapoint 

Mit unserem ersten Besuch in Liberec ist das Thema für uns noch nicht erledigt. Wir kommen wieder. Meine Frau sogar, wie es der Zufall so will, schon in den nächsten Tagen.
Der Akademische Chor Zittau/Görlitz, in dem sie mitsingt, probt nämlich demnächst zusammen mit tschechischen Chören in Liberec für ein Konzert am 22. November in der St. Johanniskirche Zittau.










Poster: hszg.de, Fotos ohne besondere Kennzeichnung: Johannes LeBong

Mittwoch, 4. November 2015

Zur nächsten guten Espressobar...

...  müssen wir neuerdings nur noch grad' kurz die Straße hoch und um die Ecke. Beim ersten Besuch wurde ich freundlich gefragt, ob ich meinen Cappuccino mit einer kräftigeren Bohne möchte oder lieber mild. Das war ein überzeugender Einstand.

Der Laden hat aber noch mehr zu bieten als guten Café: fein-e-kost.de

Kürzlich hatte ich noch moniert, in Görlitz würde der 'Berliner Unternehmergeist' fehlen. Ich meine damit pfiffige junge Leute, die coole Cafés und Küchen aufmachen. Wie mir der Chef erzählte, kommt er aus Berlin. Alles wird gut!


Fotos: Johannes LeBong

Pfundweise Lesestoff


Bevor jetzt immer mehr ungemütliche und kühle Tage kommen, wird es Zeit, sich mit Lesestoff einzudecken. 

Meine aktuelle Titelauswahl geht auf die freundliche Beratung in der Comenius Buchhandlung Görlitz zurück.




Fotos: Johannes LeBong

Sonntag, 1. November 2015

dresdenfrankfurtdancecompany.com

The Primate Trilogy im Festspielhaus Hellerau

"Jacopo Godani präsentierte in seiner Dresdenpremiere mit der Dresden Frankfurt Dance Company drei fundamentale Kreationen, deren Choreografie – abstrakt und voll reiner Ästhetik – zum eigentlichen Hauptausdrucksmittel wird..."

Mehr lesen im offiziellen Begleittext: hellerau.org/primatetrilogy


Um es gleich vorwegzunehmen: Meine beiden tanzverliebten Begleiterinnen fanden die gestrige Aufführung im Festspielhaus Hellerau uneingeschränkt gelungen, ich selbst kam diesmal über den Modus eines bloß interessierten Zuschauers nicht hinaus.

Je avantgardistischer eine Tanzperformance angelegt ist, umso schwieriger kann es sein, sie qualitativ einzuordnen. Nach meinem Eindruck ging es Jacopo Godani darum, die Grenzen der menschenmöglichen Mechanik des Tanzes auszuloten - die Figuren extrem schnell, oft ruckartig und mit viel Energie ausgeführt, die Szenen in betont hektischen Schnitten, wie sie heute auch im Film üblich sind.

Der krachende Soundtrack, dessen Regime die Figuren folgten, erinnerte mich stark an die Filmmusik von Sci-Fi-Streifen.

Im übertragenen Sinn kamen mir die Tänzer vor wie Musikinstrumente, auf denen erweiterte Spieltechniken exerziert werden, ohne dass eine Melodie oder Kompositionsregel erkennbar ist. Mir stand kein Orientierungspunkt zur Verfügung, um mich dem Stück vom Verständnis her zu nähern.
Dennoch war es ein schöner und interessanter Abend in Hellerau, den wir noch beim Gespräch über das Erlebte an der hauseigenen Bar ausklingen ließen. Dann ging es zurück auf die nächtliche Autobahn nach Görlitz, begleitet von heftigen Windböen und herbstlich bunten Blätterwirbeln im Scheinwerferlicht.

Fotos: Johannes LeBong